Julia Eltner
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Vakuum

Installation in der Galerie FREIRAUM, Hamburg-Blankenese
16. bis 23. November 2005

Bilder der Ausstellung

Eröffnungsrede

Von Erica Lotockyj

" Liebe Kunstinteressierte, ich begrüße Sie herzlich zur Ausstellung der Rauminstallation mit dem Titel "Vakuum" von Julia Eltner. Julia Eltner wurde im Jahr 1969 in Bonn geboren. Sie hat in den Niederlanden (Enschede) Kunst studiert und lebt seit 1996 in Hamburg. Auch wenn sie sich auf kein bestimmtes künstlerisches Medium festlegen möchte, so fällt auf, dass einige Elemente in ihrer Kunst dominieren. In ihren Installationen, Objekten, Foto- und Papierarbeiten spielen die Materialien Wachs und Dewar-Gefäße eine wichtige Rolle.

Als ein Dewar-Gefäß wird das Innenleben von Thermoskannen bezeichnet. Diese wurden 1893 vom schottischen Physiker und Chemiker Sir James Dewar erfunden. Ein Dewar-Gefäß besteht meist aus einem doppelwandigen Glas, das mit reflektierendem Metall beschichtet ist. Zwecks zusätzlicher Wärmeisolierung, wird die Luft aus dem Zwischenraum evakuiert, so dass zwischen den Glaswänden ein Vakuum entsteht. Aber darauf werde ich später noch einmal zurückkommen.

Im hinteren Galerieraum finden Sie einige Fotoarbeiten von Julia Eltner. Bei den Motiven handelt es sich um Spiegelreflexe von Dewar-Gefäßen. Durch das Büttenpapier und die Wachsbearbeitung gelingt es ihr, das Blendende, das Harte und Kantige des Reflexes auf eine weiche, fast zeichnerische Linie abzurunden. Es ist, als wolle die Künstlerin durch die Wachsschicht das Reflektierte bewahren und für alle Ewigkeit konservieren. Entstanden sind dabei außergewöhnliche Formen, die zu näherem Hinschauen bewegen. Je vertrauter man mit den bisherigen Werken der Künstlerin wird, umso bewusster wird einem der bedeutende Stellenwert dieser abstrakten Bilder.

Doch nun zur Rauminstallation:

Wer die Arbeiten von Julia Eltner kennt, weiß, dass sie sich inhaltlich intensiv mit unserer Wahrnehmung auseinandersetzt. Spiegelungen und Selbstreflexion stehen sich oft gegenüber. Dabei untersucht sie nicht nur momentane Aspekte, sondern auch bereits gegangene Wege und solche, die noch zu begehen sind.

Gleich beim Betreten des Galerieraumes gelangen wir in die Rauminstallation. Wir sehen auf dem Boden eine Ansammlung von Thermosgefäßen, die in Gipspulver kreisförmig angeordnet sind. Zur rechten Seite lehnt ein runder Spiegel an der Wand. Wie ein verknoteter Faden führt ein Draht vom Spiegel bis zum Stuck an der Decke und fällt von dort aus zu den Dewar-Gefäßen. Diese Konstellation wiederholt sich einmal im Raum, d.h. die Elemente sind zweifach vorhanden und werden von einer Drahtschnur miteinander verbunden. Die gesamte Installation erinnert bereits durch ihre Verdoppelung an eine Spiegelsituation.

Man muss kein Narziss sein, um den Blick in einen Spiegel zu wagen: Sitzt die Frisur noch gut? Sehe ich sehr blass aus? Steckt das Hemd noch richtig in der Hose? Muss der Lippenstift nachgezogen werden? Diese Fragen können noch so banal sein, die Antwort in ihrer Abstraktion jedoch ist eine Bestätigung unseres Daseins. Denn solange wir in den Spiegel schauen, sind wir uns unserer körperlichen Existenz bewusst. Die eigene körperliche, greifbare, organische Materie ist für uns Realität.

Das Wort Vakuum kommt aus dem Lateinischen (vacuus - leer, frei) und bezeichnet je nach Fachrichtung (bspw. Technik, Physik oder Quantentheorie) jeweils unterschiedliche Sachverhalte. Im Alltag bezeichnet ein Vakuum einen nahezu luftleereren Raum, also einen Raum, der frei von jeglicher Materie ist.

Vertreter der Transzendentalphilosophie und vieler Weltreligionen berufen sich im Allgemeinen auf ein dualistisches Modell von Realität. Dieser Auffassung nach ist die Wirklichkeit zweigeteilt. Die Welt der materiellen Tatsachen steht dem "Reich des Geistes" gegenüber. Die materiellen Gegebenheiten erfahren wir in dieser Installation sowohl durch das Arrangement der Objekte (Spiegel, Dewar-Gefäße, Drähte, Stuck und Gips) als auch durch die Wahrnehmung unseres Selbst in den Spiegeln. Das gespiegelte Abbild unseres Körpers zeigt nicht nur, dass wir uns hier momentan im Galerieraum aufhalten, sondern es bezeugt tief gehend unsere materielle Existenz.

Bewegen wir uns an der Drahtschnur entlang, gelangen wir an verschiedene Orte: an Orte, die man wechselt, an Orte, an denen man bereits war oder an Orte, an denen man verharren möchte. Eine Richtungsänderung, eine Rückkehr, ein Innehalten im Lebensweg führt zur Verformung der Drahtschnur. Folgen wir ihr (der Drahtschnur) vom Spiegel zum Stuck und vom Stuck zu den Dewar-Gefäßen, stehen wir plötzlich einem verzerrten Spiegelbild gegenüber. Sind wir das wirklich?

Diese Installation bietet uns zwei Zugänge zur Selbstreflexion. Einmal ein Spiegelbild, das eine vermeintlich realistische Spiegelung unseres Körpers darstellt (der Spiegel an der Wand). Und zum anderen ein Spiegelbild, das unseren Körper verzerrt wiedergibt. Wenn Sie jetzt die Insel der Dewar-Gefäße mit dem Spiegel an der Wand vergleichen, werden Sie erkennen, dass sie sich nicht nur in ihrer runden Form, sondern auch in ihrem Durchmesser gleichen.

Im Märchen "Alice in Wunderland", gelangt die Protagonistin in eine Gegenwelt, indem sie durch einen Spiegel hindurch geht. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir im übertragenen Sinne durch dieses verzerrte (Spiegel)Bild unserer Person, in den Zwischenraum des Dewar-Gefäßes eindringen. Hier aber herrscht ein Vakuum - also ein materiefreier Raum. Unser Körper ist dort nicht existent. Wir befinden uns im Reich des Geistes, des Intellekts. Und spätestens an dieser Stelle fängt es an, richtig spannend zu werden. Denken wir beispielsweise an Michel Foucault, der 1966 schreibt:

"In unserer heutigen Zeit kann man nur noch in der Leere des verschwundenen Menschen denken. Diese Leere stellt kein Manko her [...]. Sie ist nichts mehr und nichts weniger als die Entfaltung eines Raums, in dem es schließlich möglich ist, zu denken." 1

Julia Eltner bietet uns im Vakuum eine von der Materie losgelöste Plattform, in der es möglich ist, uns selbst im Raum des Geistes zu begegnen und eigene Denkprozesse zu initiieren.

Viel Spaß dabei. "


Zur Autorin:

Erica Lotockyj ist Kulturwissenschaftlerin und kuratiert Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Sie vermittelt den Austausch zwischen Künstlern und Kunstinteressierten, auch auf internationaler Ebene.
Kontakt:
Mail: EricaL@web.de
Mobil: 0179-3895381


1 Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main, 1974, S. 412.