Julia Eltner
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Von da an

Installation und Video im projekthaus, Hamburg-Altona
4. bis 19. Mai 2006

Bilder der Ausstellung

Eröffnungsrede

Von Nicole Büsing und Heiko Klaas

AS TIME GOES BY

" Meine Damen und Herren, liebe Julia,

wir befinden uns hier in einem sogenannten "White Cube", einem klaren, weißen, idealen und weitgehend neutralen Ausstellungsraum, wie er sich in der Geschichte der Moderne zunehmend durchgesetzt hat. Brian O"Doherty, der Theoretiker der weißen Zelle, formulierte es in seinem erstmals 1976 erschienen Buch "Inside the White Cube" folgendermaßen: Die ideale Galerie hält vom Kunstwerk alle Hinweise fern, welche die Tatsache, daß es "Kunst" ist, stören könnten. Sie schirmt das Werk von allem ab, was seiner Selbstbestimmung hinderlich in den Weg tritt. Dies verleiht dem Raum eine gesteigerte Präsenz, wie sie auch andere Räume besitzen, in denen ein geschlossenes Wertesystem durch Wiederholung am Leben erhalten wird. Etwas von der Heiligkeit der Kirche, etwas von der Gemessenheit des Gerichtssaals, etwas vom Geheimnis des Forschungslabors verbindet sich mit chicem Design zu einem einzigartigen Kultraum der Ästhetik. So mächtig sind die wahrnehmbaren Kraftfelder innerhalb dieses Raumes, daß - einmal draußen - Kunst in Weltlichkeit zurückfallen kann, und umgekehrt wird ein Objekt zum Kunstwerk in einem Raum, wo sich mächtige Gedanken über Kunst auf es konzentrieren." Zugegeben ein etwas längeres und auf viele Ausstellungssituationen anwendbares Zitat. Doch bezogen auf die Arbeit von Julia Eltner, speziell auf die Installation "Von da an", in der wir uns alle versammelt haben, schien es uns sehr passend zu sein. Auch dieser Raum, der zuvor sicherlich die unterschiedlichsten kunstfernen Nutzungen, etwa als Lager oder Werkstatt, erfahren hat, verfügt über jene Insignien der Moderne, die ihn zum neutralen Behälter für Ausstellungen machen: weiße Wände, Neonlicht und einen neutralen, betongrauen Fußboden. Das Besondere an diesem Raum jedoch ist die Tatsache, dass er sich nach hinten verjüngt, den Besucher also förmlich in die Ausstellung hineinzieht.

Julia Eltner hat sich den Gegebenheiten dieses Raumes gestellt und eine installative Raumsituation geschaffen, die für eben jene "gesteigerte Präsenz" sorgt, wie O"Doherty sie beschreibt. Julia Eltner fügt vier verschiedenen Komponenten zu einem geschlossenen Raumgefüge zusammen, die alle ein gemeinsames Thema haben: In dieser Ausstellung geht es um Phänomene der Zeit, des Alterns, des gelebten Lebens, der vielleicht verschütteten Erinnerungen, den unablässigen Fluss der Gedanken und letzlich auch um die Vergänglichkeit menschlichen Lebens.

In Empfang genommen wird der Besucher von der Videoarbeit "Thea". Unterlegt mit ruhiger Pianomusik, sehen wir im Endlosloop die von faltiger Haut und Altersflecken überzogenen Hände einer alten Dame. Mit erstaunlich agilen Bewegungen biegt die über 90jährige aus jeweils 1 Meter langen, verzinkten Drahtstücken kleine, verdrehte Gebilde. Jedes mit einer ganz individuellen, mehr oder weniger zufallsbestimmten Form. Zwei ganz und gar Identische herzustellen, wäre mit der Hand auch nahezu unmöglich.

Zurück im Raum sehen wir uns von einer fast unendlichen Vielzahl und formalen Mannigfaltigkeit dieser kleinen Drahtgebilde umgeben. Viele von ihnen hat Julia Eltner selbst geformt, andere stammen von Freunden, Aufbauhelfern oder Besuchern , die während des Aufbaus vorbeigeschaut haben. Mit raschen Handbewegungen, in einem mehr oder minder unbewussten Akt lässt sich aus dem Drahtabschnitt im Handumdrehen eine kleine Drahtskulptur biegen. Julia Eltner vergleicht das Herstellen dieser linearen Geflechte mit dem Anfertigen einer Zeichnung oder viel profaner mit dem unbewussten Zerknüllen eines Zettels oder dem gedankenverlorenen Kritzeln zum Beispiel während eines Telefongesprächs. "Viele Dinge macht man, ohne sie sich bewusst zu machen", sagt Julia Eltner. Wie das mechanische, tausendfach wiederholte Schrauben eines Akkordarbeiters am Fließband, setzt auch das Biegen der dreidimensionalen Drahtobjekte einen Gedankenfluss frei. Insofern ist jede Drahtskulptur ein sichtbar gewordener Gedanke.

In seinem Manifest des Surrealismus von 1924 definierte André Breton den Surrealismus folgendermaßen: "Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung." Die Surrealisten operierten gerne mit den Begriffen der "écriture automatique" und dem "dessin automatique", dem automatischen Schreiben und Zeichnen. Fasziniert vom Spontanen, Zufälligen und Unbewussten, praktizierten Schriftsteller und Maler diesen Akt des automatischen Produzierens. Dieses bewusste Außerkraftsetzen logischen Denkens zugunsten spontaner Empfindungen setzt sich fort im abstrakten Expressionismus etwa in den Drip Paintings eines Jackson Pollock oder später in den Krakeleien eines Cy Twombly.

Hier im Ausstellungsraum bedecken Julia Eltners metallisch schimmernde Drahtgebilde in zufälliger Anordnung den Boden. Der Besucher schreitet vorsichtig durch diesen All-Over-Teppich hindurch und erreicht das Zentrum der Installation. Auf einem kreisförmig aufgeschütteten Fond aus Sand und Beton sind circa 50 Gefäße in verschiedenen Größen und Formen angeordnet. Die silbern, rosé und grünlich schimmernden Objekte sind sogenannte Dewar-Gefäße. So nennt man das zerbrechliche, gläserne Innere von Thermoskannen. Julia Eltner arbeitet schon lange mit diesem Material und hat im Laufe der Jahre eine ganze Sammlung dieser langsam vom Markt verschwindenden, traditionellen Thermoskannen zusammengetragen. Julia Eltner ist keine Designsammlerin. Sie entfernt nämlich die aufgehübschte Plastikumhüllung und damit auch den kulturellen Kontext, den jeweiligenZeitgeschmack und die unterschiedlichen persönlichen Vorlieben der vorherigen Besitzer für Farbe, Form und Dekor. "Ich stelle sie entkleidet dar, und sie offenbart sich kostbar und glänzend", sagt sie. Eine Reduktion auf die reine Form. Was übrigbleibt, sind fast schon minimalistische Objekte, funktional, seriell und industriell hergestellt.

Doch anders als den Vertretern der Minimal Art geht es Julia Eltner gar nicht um die reine Form und theoretische Konzepte. Dewar-Gefäße symbolisieren für sie vielmehr gelebtes Leben: den täglichen Gang zur Arbeit eines Büroangestellten etwa mit warmem Tee oder Kaffee als Proviant, das in der Freizeit angesiedelte Ausnahmeereignis des Picknicks mit Freunden an einem schönen Ort oder die Wegzehrung eines hart arbeitenden Bauarbeiters oder LKW-Fahrers in Form eines deftigen Eintopfs. Auch wenn die Gefäße hier das alles nicht erzählen können und uns im Ausstellungsraum geradezu klinisch rein gegenübertreten, sind sie doch angefüllt mit Erinnerungen, Gedanken und Lebenszeit ihrer früheren Benutzer.

Etwas Zweites kommt hinzu: Mit ihren spiegelnden Oberflächen, ihren konkaven und konvexen Formen reflektieren, verzerren und vervielfältigen sie den Raum und den Betrachter. Ähnlich wie die geformten Drahtstücke eröffnen sie so einen Denk- und Assoziationsraum mit unendlich vielen Varianten und Möglichkeiten. "Die Transformation von Objekten ist abhängig von ihrer Umgebung, ist eine Angelegenheit des Ortswechsels", sagt O"Doherty.

Über den angeordneten Gefäßen hängen drei Bahnen einer nostalgischen, leicht vergilbten Blümchentapete. Die papierene Wandverkleidung ist wellenförmig auf drei von der Decke hängenden Stangen drappiert. Ähnlich wie die Hände der alten Frau und die entkleideten Dewar-Gefäße symbolisiert auch die Tapete Erinnerung, Lebenszeit und den Fluss der Gedanken. Eine ehemalige Raumverkleidung als stummer Zeuge wiederum eines oder vieler gelebter Leben. Mit Geschichte und Geschichten aufgeladenen Tapeten dieser Art ist sicherlich jeder schon einmal begegnet, der eine Wohnung renoviert hat oder beim Abriss eines alten Hauses zugeschaut hat. Das gesamte Leben, das sich in den Innenräumen abgespielt hat, wurde von der Tapete absorbiert. Sie ist mit den Jahren zum stillen Beobachter, zum Begleiter, zum Vertrauten und schließlich dann doch zum "entsorgten", nicht mehr benötigten Altmaterial geworden. In Julia Eltners Installation sind die Tapetenbahnen noch nicht entsorgt, sondern hängen wellenförmig über der Gefäßansammlung. Fast scheint es, als tröpfelte das angesammelte Konvolut an Gedanken, Beobachtungen und Erinnerungen wie ein Fluss in die offenen Gefäße darunter, die bereit stehen, um alles aufzunehmen. In ihrer ureigenen Funktion als Behältnis bewahren und beschützen sie diesen erinnerungsgeladenen Inhalt.

"Von da an" lautet der Titel dieser Ausstellung. Diese in Erzählungen, Biografien oder Lebensschilderungen häufig verwendete Fomulierung beschreibt rückblickend eine bestimmte Lebensphase, eine Wegstrecke, einen Zeitabschnitt, vielleicht auch einen entscheidenden Wendepunkt. Ein kleiner abgeschnittener Gedanke wie ein Stück abgeschnittener Draht, aus dem flinke Hände eine Zufallsskulptur formen. Ein glänzendes Gefäß, das Geschichte und Geschichten transportiert. Eine abgelöste Tapete als Zeitzeuge. Eine Installation in einer "weißen Zelle". Erinnern wir uns an den eingangs zitierten Brian O"Doherty, der schreibt: "So mächtig sind die wahrnehmbaren Kraftfelder innerhalb dieses Raumes, daß - einmal draußen - Kunst in Weltlichkeit zurückfallen kann, und umgekehrt wird ein Objekt zum Kunstwerk in einem Raum, wo sich mächtige Gedanken über Kunst auf es konzentrieren." Treten wir hinaus auf die Straße, vielleicht mit einem profanen Getränk in der Hand, werden wir zum Betrachter außerhalb dieses Kraftfeldes, zum beiläufigen Passanten, der sich an einem milden Frühlingsabend auf den Heimweg macht. Doch die formenden Hände einer alten Frau, ein im Rinnstein liegendes Stück Draht, ein nutzlos gewordenes Glasgefäß oder eine abgelöste Tapete werden wir in Zukunft vielleicht mit ganz anderen Augen betrachten. "