Julia Eltner
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Installation, EINSTELLUNGSRAUM e.V., Hamburg
8. bis 23. März 2007

Baum
Diaprojektion Hase
Tuer
Dewar-Kannen
Videostill Seifenblasen

Eröffnungsrede

Von Nora Sdun

"Kunst, die ihre Rettung vor dem Schein im Spiel sucht, läuft über zum Sport.

Die Rettung vor dem Schein - was ist so schlimm am Schein und warum gibt es dem gegenüber überhaupt das Bedürfnis nach Authentizität, also nicht Schein, was offenbar mit Sicherheit identifiziert wird.

Was hat es zu bedeuten das an amerikanischen Autorückspiegeln steht: Things in the mirror appear closer than they are. Es ist eine Warnung davor, dass Dinge näher scheinen, als sie sind. Seltsam eigentlich, da man im Straßenverkehr doch umso sicherer fährt, je größer man den Sicherheitsabstand bemisst.

Es gibt verschiedene Sorten Schein. Erscheinen tun Engel oder göttliche Boten und eben Dinge in Rückspiegeln. Julia Eltner hat hier eine Reihe solcher Erscheinungsformen thematisiert. Rückspiegel, Suchmeldungen, Seifenblasen und überwachungskameras lassen sich je unter einen Bereich von Schein ordnen. In Rückspiegeln und Spiegeln überhaupt gibt man sich optisch illusionären Phänomenen hin, man findet sich schön oder gealtert, man meint jedenfalls im Spiegelbild etwas zu finden. In Personensuchmeldungen giert man nach der Wiederholung einer Situation, die man glaubt, erneut hervor scheinen lassen zu können, so man nur die Person wieder findet, die einem dieses besondere Erlebnis verschafft hat. In der Metapher der Seifenblase des Schaums liegen eben diese Projektionen - vergänglich, empfindlich, zart und frei schwebend. In überwachungskameras implodiert genau diese Idee von Freiheit und Schein, da die Kameras bekanntlich rechtskräftiges optisches Beweismaterial liefern, für Ereignisse, die man anders wahrnahm als das Kameraauge, dieses ist aber vonseiten der Rechtsprechung das Wahrer Sehende - justiziabel, aufgrund seiner angeblich unparteiischen immer gleichen Wiederholbarkeit und damit der menschlichen Wahrnehmung überlegen, die Kamera sucht nichts - also findet sie auch nichts, sie nimmt lediglich auf, der Film, der dort entsteht, ist starr und fremd. Hier lässt sich zurückkommen auf die wahnhafte Idee Dinge wiederholen zu können als melancholischer Blick in den Spiegel und als Suchmeldung. Es gibt verschiedene Sorten Schein aber es ist alles aneinandergehängt und miteinander verschwistert.

Auf der Gravur im Rückspiegel wird in konkretistisch handfester art und weise auf eine unmittelbare Verbindung zwischen Dingen und Erscheinungen hingewiesen. Eine Grobheit, die man sonst eher selten antrifft, man versucht solches eher zu kaschieren. Mehr zu scheinen als man ist für sich zu werben und zu blenden. Sammy Molcho, ein Pantomime, hat gesagt, dass es keine natürliche Bewegung gibt, man spielt immer. Die Zerstörung des Scheins, die Rebellion gegen ihn als eine Rebellion gegen Harmonie, auch als eine Rebellion gegen das Gekünstelte, das haben Künstler schon immer probiert, aber diese Unternehmungen bleiben selbst immer ganz im Schein gefangen, denn bei Kunst ist es ja nun klar, dass das nicht wirklich wahr ist, sondern eben: wirklich gebastelt - immer total künstlich.

Der Schein, als Nachahmung des Wirklichen, ist als Mimesis nicht von der Illusion zu befreien. Das Einzige, was Kunst in diesem Fall kann, ist mit offenen Karten zu spielen. Und das illusionäre Moment der Rebellion, wie des Scheins als integralen Bestandteil mit sich herumzuführen. Und nicht zu leugnen dass sich von diesem nicht abkoppeln kann. Andernfalls hat man es wieder mit Werbung oder anderer Täuschung zu tun: wie z.B. auf der Internetseite www.will-dich-wiedersehen.de, ein verzweifelt vermurkstes Konstrukt aus Projektion und Werbung, aber eben angetrieben vom Wirklich Wahren, dem Gefühl eine Situation wiederholen zu wollen die man sozusagen nur noch im Rückspiegel größer und immer größer wahrnimmt, als sie wahrscheinlich wirklich war. (Wahrscheinlich ist auch ein schönes Wort im Spiel der Buchstabenkombinationen, die man zum Wortfeld Schein entwickelt hat.) Die Suchanzeige auf www.will-dich-wiedersehen.de: Ich war am letzten Samstag, gegen 12-14Uhr in der Rembrandt-Ausstellung im Berliner Kulturforum am Potsdamer Platz. Du warst groß, hattest eine dunkelblaue Jeans und ein hellblaues Hemd an, das du bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hattest. Deine Dunkelbraunen (Schwarzen?) Haare waren leicht verwuschelt. Ich bin rothaarig und hatte ein weißes T-Shirt und eine Jeans mit mehreren Schnallen an den Hosenbeinen an. Wir hatten intensiven Blickkontakt und als ich dir meine Nummer auf ein zusammengesuchtes Zettelchen schreiben wollte, warst du schon weg; Würde mich freuen, dich auf diesem Weg wieder zu finden!!!, Also diese Suchanzeige demonstriert ja mal ganz schön was Menschen in der Lage sind zu beschreiben mit einer Ausstellung von Rembrandt als Support- sie machen nämlich eine Bildbeschreibung von einer Person, keine sonderlich Gelungene sage ich und das ist auch kein gelungener Steckbrief. Es ist auffällig, dass nicht benannt wird, vor welchem Bild in welchem Saal die Begegnung stattfand, noch nicht einmal das Geschlecht der jeweiligen Person ist klar. Unterschrieben ist die Suchanzeige nämlich mit Genie, also ein Genie wie Rembrandt, mit einem hysterischen zweiten e aus lauter, höchstwahrscheinlich hormoneller, Verwirrung, ein Schrei als Unterschrift - nicht sonderlich nützlich zur Wiederauffindung von Personen. Es ist eine privatistische Innenperspektive eine Projektion - irrational, unteilbar, und solipsistisch. Eine symptomatische Unaufmerksamkeit könnte man sagen, eine typische Manifestation von Schein, als freigestellte Einzelerscheinung. Und dann als Krönung auch noch mit der Idee von Kommunikation - so schlimm verfahren noch nicht einmal Künstler.

Aber Selbsttäuschung funktioniert sehr gut, solange man dabei nicht gestört wird, und man reagiert mit Recht verärgert, wenn die Sache auffliegt.

"Was wird von Dichtern höher gepriesen, als der bezaubernd schöne Schlag der Nachtigall in einsamen Gebüschen, an einem stillen Sommerabende, bei dem sanften Lichte des Mondes? Indessen hat man Beispiele, dass, wo kein solcher Sänger angetroffen wird, irgendein lustiger Wirt seine zum Genuss der Landluft bei ihm eingekehrten Gäste dadurch zu ihrer größten Zufriedenheit hintergangen hatte, dass er einen mutwilligen Burschen, welcher diesen Schlag (mit Schilf oder Rohr im Munde) ganz der Natur ähnlich nachzumachen wusste, in einem Gebüsche verbarg. Sobald man aber innewird, dass es Betrug sei, so wird niemand es lange aushalten, diesem vorher für so reizend gehaltenen Gesange zuzuhören; und so ist es mit jedem anderen Singvogel beschaffen. Es muss Natur sein, oder von uns dafür gehalten werden, damit wir an dem Schönen als einem solchen ein unmittelbares Interesse nehmen können" sagt kant über das Naturschöne, und das heißt, sobald der Betrug auffliegt als Schein, der nicht als solcher etikettiert war, wie man es bei Kunst gewohnt ist, ist sofort Schluss mit dem ästhetischen Glück.

"Die Dialektik der modernen Kunst ist in weitem Maße die, dass sie den Scheincharakter abschütteln will wie Tiere ein angewachsenes Geweih." Adorno, ä.Th. s. 157) soviel zum Naturschönen, es ist ein lustiger Gedanke von Adorno, der sich vielleicht einen Platzhirsch vorstellt der im Wald sein Geweih schüttelt und einen Platzhirsch ein Malschwein im Atelier, der endlich das Bild ohne sein Ego malen will, dieses aber andererseits dringend dazu braucht um morgens überhaupt aufzustehen. Man ist mit Paradoxien geschlagen und zwar mit großem Erfolg.

Kein Kunstwerk hat ungeschmälerte Einheit, ein jedes muss sie vorgaukeln und kollidiert dadurch mit sich selbst. Konfrontiert mit der antagonistischen Realität, wird die ästhetische Einheit, die jener sich entgegensetzt, zum Schein auch immanent. Die Durchbildung der Kunstwerke terminiert im Schein, ihr Leben wäre eins mit dem Leben ihrer Momente, aber die Momente tragen das Heterogene in sie hinein, und der Schein wird zum falschen. ... Schein ist das Kunstwerk nicht allein als Antithesis zum Dasein sondern auch dem gegenüber, was es von sich selbst will. Es ist mit Unstimmigkeit geschlagen. Gleichwohl gibt es diese viel diskutierten und begeistert gefeierten Sinnzusammenhänge. Dieser für Kunst wesentliche Sinnzusammenhang ist aber der Schein. Er integriert Kunst in einen Zusammenhang. In dem er sie aber integriert, wurde Sinn selber, das Einheit stiftende, durchs Kunstwerk als präsent behauptet, ohne dass er es doch wirklich wäre. Sinn, der den Schein bewerkstelligt, hat als Oberstes am Scheincharakter teil. Trotzdem ist der Schein des Sinns nicht dessen vollständige Bestimmung. Denn der Sinn des Kunstwerks ist zugleich das im Faktischen sich versteckende Wesen; der Sinn zitiert zur Erscheinung, was diese (diese Erscheinung) sonst versperrt. ä.th. s.161)

Wir haben eine Erscheinung
Rainer Maria Rilke, Oktober 1914, München
Gesammelte Werke, Band IV, Leipzig 1927.

Wir haben eine Erscheinung. Sie steht in den Zimmern, und auf den leeren Plätzen steht sie um Mitternacht, und wenn es Morgen wird, so wird sie deutlicher mit dem Tag, und wir sehen die Häuser durch ihre durchscheinende Gestalt. Ein Revenant ist davon abhängig, wie viele ihn wahrnehmen. Diesen gewahren alle: Er ist aus allen Gräbern gestiegen. Alle gewahren ihn. Aber wer erkennt ihn? Nein. Ihr sollt nicht bekannt tun mit ihm. Ihr sollt ihm nicht das Zubehör und die Zunamen früherer Kriege anhängen, denn ob es gleich ein Krieg ist, so kennt ihr ihn doch nicht. Da man euch Bilder von Greco zeigt, so gabt ihr zu, dass da ein Erleben sei, das ihr nicht kanntet. Und wenn dieser Krieg ein Gesicht hat, so sollt ihr es ansehn wie das Gesicht Amenophis des Vierten, das vorher nicht da war. Ihr sollt davor stehen, wie neulich vor der Tatsache, dass in ein paar Pferden, bisher unangerufen, eine Gegenwart des bestimmtesten Geistes wohnt; ihr sollt als die, die ihr jetzt seid, den leidenschaftlichen Umgang des Todes hinnehmen und seine Vertraulichkeit erwidern; denn was wisst ihr von seiner Liebe zu euch? Wir haben eine Erscheinung, - und es hat sie mancher angerufen; sie aber weicht nicht und schreitet durch unsere Wände und steht nicht Rede. Weil ihr tut, als kenntet ihr sie. Erhebt eure Augen und kennt sie nicht; schafft ein Hohles um sie mit der Frage eurer Blicke; hungert sie aus mit Nichtkennen! Und plötzlich, in der Angst nicht zu sein, wird euch das Ungeheure seinen Namen schein und wegsinken."